Kunstmaler aus Seeon/Chiemgau

Eröffnungsrede zur Ausstellung Hermann Wagner „Vielleicht ist irgendwo Tag“ in der Städtischen Galerie Traunstein am 24. November 2006

Gerade wenn man die künstlerische Entwicklung von Hermann Wagner mitverfolgt, die sich ja im Wesentlichen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren vollzogen hat, dann ist der erste Eindruck, den Betrachter dieser vom Licht der Bilder durchfluteten Ausstellung haben, sicherlich ein überraschender, überwältigender und, ja, beglückender Eindruck.

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Die frühen Bilder von Hermann Wagner, waren eine expressive und heftige Auseinandersetzung mit der Materie, die Oberflächen waren schrundig, die Tonwerte eher dunkel, einzelne lineare Zeichen wie Kreise oder Kreuze strukturierten den abstrakten Bildraum. Aber auch diese künstlerischen Welten, die Hermann Wagner damals entwarf, enthielten mit ihren weißen Schlieren im ultramarinen Nachtblau, die das Dunkel lichteten, und mit ihren räumlich wirkenden Ausblicken in die Unendlichkeit bereits deutliche Verweise auf transzendentale Inhalte, um die es dem Künstler von Anfang an gegangen ist. So war es das schöpferisch Aufbauende, das uns bereits aus der frühen Bilderwelt von Hermann Wagner ansprach, und das sich aus der durchaus auch aggressiv und heftig wirkenden Auseinandersetzung mit der Materie durchgerungen hat. Es folgten Bilder, die mit Geometrisierungen arbeiten, der Farbauftrag wird ruhiger, die Tendenz zur Stille und zum Meditativen verstärkt sich dabei immer weiter. Farblich fein aufeinander abgestimmte Quadrate sind Beispiele für diese Phase. Gleichzeitig entwickelt Hermann Wagner Bilder, die sich an die Kompositionen von Mark Rothko anlehnen. Es sind dies jene breit gelagerten und parallel geführten Rechtecke, die Gebilde von mächtiger und sonorer Ruhe konstruieren. Nirgendwo verankert und scheinbar in einer kosmischen Weite schwebend entrückt, bleiben dennoch ihre geradezu monolithische Festigkeit und Unverrückbarkeit stets gesichert. Es handelt sich um Kontemplationstafeln eigener Art, die vergleichbar der Wirkung von Ikonen, zu Andachtsbildern der heutigen Zeit werden können und beim Betrachter eine geradezu festlichfeierliche Grundstimmung hervorrufen.
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Auf der anderen Seite sind es Bilder, die sich durch horizontale Schichtungen aufbauen, horizontal schwebende Farbfelder, die von ganz breit bis zu ganz schmal reichen können, und sensibel aufeinander abgestimmte Farbbahnen, die einen chromatischen Verlauf bevorzugen. Diese Bilder verleiten den Betrachter oft dazu, landschaftliche Assoziationen zu haben. Aber natürlich geht es im Werk von Hermann Wagner immer darum, das Gegenständliche zurück und die Wirklichkeit jenseits der Dingwelt aufscheinen zu lassen. So sind es vielmehr die im Menschen ausgelösten Empfindungen, die uns ein innehaltender Blick in die Weite der Landschaft oder auch der klassische Sonnenuntergang schenken kann, und nicht die konkreten Naturphänomene selbst, die in den Bildern thematisiert werden. Die schrundige Oberfläche früherer Bilder, die in den für den Künstler Hermann Wagner für eine Zeitlang so wichtigen Spaltenbildern ganz aufbricht und Blicke in tiefe Schichten gewährt, ist in letzter Zeit einer lasierend glatten Oberfläche gewichen. Ihre Tonwerte werden zunehmend transparenter und erinnern mitunter sogar an die Durchlässigkeit von Aquarellfarben. Die Wirkung ist unmittelbar und überwältigend. Erreicht wird dies durch den sensiblen Einsatz der Farbe, die in leuchtenden und teilweise flirrenden Bahnen und Schichten das Bild bedeckt, und die von großer expandierender Kraft und Intensität ist. Eine relative tiefe Hängung der Bilder lässt den Betrachter den Eindruck gewinnen, vollständig im Bild aufzugehen und in die Farbe einzutauchen. Jeder Ton formuliert sich aus vielen differenzierten Malschichten, nie eindimensional, oberflächlich oder dekorativ, sondern immer mehrschichtig und tiefgründig, wie ein vielstimmiger Akkord in der Musik, der uns nahe geht und uns im Innersten zu ergreifen vermag.
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Tiefenwirkung und Räumlichkeit werden durch die Staffelung der Farbflächen erreicht. Der Ausblick in weite Ferne wechselt mit der Wahrnehmung, dass der Betrachter sich umgeben und umhüllt von einem Farbraum in Geborgenheit weiß. Bei einem kleinen Bild verharren wir in einer distanzierten Haltung des Gegenübers, wir bleiben außerhalb des Bildes angesiedelt und distanziert gegenüber der eigenen Empfindung. Bei den großen Formaten hingegen besteht die Möglichkeit, in der Farbe und ihrer meditativen, spirituellen Wirkung zu versinken und einzutauchen, wie es der Künstler wohl auch beim Malen seiner Bilder selbst wahrnimmt. Diese Ergriffenheit ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die Bilder als Offenbarungen empfunden werden können für die, oft ersehnte, leidvoll vermisste und selten erreichte Einheitserfahrung von Ich und Welt. Jedes Bild ist dabei die neuerliche Suche nach dem Absoluten und gleichzeitig ist es, als male Hermann Wagner immer nur an einem Bild.
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Vielleicht braucht die Sprache die Nennung der Gegensatzpaare wie Leichtigkeit und Schwere, Dichte und Transparenz, Raum und Fläche, Leere und Fülle, um dem Phänomen der Überwindung von Gegensätzlichkeiten und Polaritäten, die in der Opposition von Ich und Welt seinen schmerzlichsten Höhepunkt findet, beschreibend nahe zu kommen. Die Malerei von Hermann Wagner bedarf ihrer nicht mehr, denn in seinen guten und reifen Bildern ist die bange Suche nach der Einheit der Gewissheit gewichen, dass die Versöhnung möglich ist. In unserer Welt, wie sie sich heute darstellt, einen künstlerisch glaubhaft formulierten, positiven und utopischen Lebensentwurf bereitzustellen, der jenseits des Kitsches, seine lebensbejahende und zuversichtliche Kraft entfalten kann, das ist ein großes Glück. Ein Glück für uns als Betrachter, die wir daran teilhaben dürfen, und sicherlich auch ein Glück für den Urheber dieser Werke, deren Kompositionen sich aufbauen im Wachsen des strahlenden Lichts.
Judith Bader
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