Kunstmaler aus Seeon/Chiemgau

Aus der
Laudatio für Hermann Wagner
Prien Studio-Ausstellung 21.7.18 – 16.9.18
Vernissage 20. Juli 2018, 19 Uhr
Von  Herbert Stahl    83339 Chieming

„Wie ein Sonnenaufgang,
ruhig, entspannend,
erholsam und direkt.
Meine Gedanken spüren
Den Zwiespalt
Zwischen Trauer und Freude.“

Bereits 2006 haben Schülerinnen und Schüler der Reiffenstuel-Realschule Traunstein während der Ausstellung Hermann Wagners „Vielleicht ist irgendwo Tag“ in der Städtischen Galerie in TS Texte zu einem Bild HW geschrieben. Der von der Schülerin erwähnte „Zwiespalt zwischen Trauer und Freude“ stellt ein Gegensatzpaar in ihre Überlegungen. Solche Gegensatzpaare in HWs Werk sollen Inhalt meiner Einführung werden.

Als wir am Donnerstag in der vergangenen Woche die 8 Bilder HW in diesem Raum gehängt hatten, hatte sich der Raum vollständig in seiner räumlichen Wirkung verändert. Ein weiß gestrichener nüchterner Galerieraum war plötzlich zu einem Raum der tiefen Stille, zu einem Meditationsraum, zu einem Raum der erfüllten Leere geworden.

Wir haben zusammen mit Hermann Wagner bewusst nur eine Richtung in seiner Malerei für diese Ausstellung anlässlich seines bevorstehenden 90. Geburtstages ausgesucht, andere Bereiche, wie die klar geometrisch abgegrenzten Arbeiten oder die von amorphen expressiven Formen bestimmten abstrakten Arbeiten oder aber auch immer wieder gegenständlich, expressive Bilder, haben wir nicht ausgesucht.

Hermann Wagner wurde 1928 in Oberfranken geboren. Schon sehr früh beschäftigte er sich mit der Malerei. Ein Kunststudium war für ihn nach dem Krieg aus Existenzgründen nicht möglich. Er studierte Landwirtschaft und war dann in verschiedenen Veterinärämtern im Staatsdienst tätig. Er malte in seiner Freizeit. In den 60-iger Jahren wurde er Mitglied des Berufsverbandes „Bildender Künstler“. Seit 1977 trat HM vor allem im Raum Oberbayern mit Einzelausstellungen an die Öffentlichkeit, wobei es ihm trotz der Ungegenständlichkeit seiner Bilder gelang, in Kirchenkreisen auf Interesse zu stoßen. Hierfür dürfte die in seinen Bildern erkennbare ernsthafte Suche nach dem tieferen Sinn, der über das Diesseits hinausgehenden Inhalte, verantwortlich sein. Seine Bilder sind beinahe ausnahmslos „ohne Titel“. HW will dadurch erreichen, dass jeder Betrachter für sich ganz alleine seine Interpretation zu dem jeweiligen Bild findet.

Zunächst entstehen gegenständliche Bilder, eher stark expressiv, frühzeitig bestand aber bereits das Verlangen zu reduzieren und abstrakt zu arbeiten. Informelle Bilder wurden von gestischen mit impulsivem Pinselstrich abgelöst. Ab den 1990iger Jahren entstanden dann die horizontal gegliederten Farbfeldbilder, für die Hermann Wagner in erster Linie bekannt ist und deren neueste Ergebnisse in dieser Ausstellung gezeigt werden.

Aufgrund seiner bewussten Auseinandersetzung mit der Farbe fand HW zur Abstraktion. Seit Anfang der 90er Jahre bestimmen die Farbfeldmalereien sein Werk. Durch die Intensität und Konsequenz seiner malerischen Arbeiten erreichte er im Laufe der Jahre, dass die Grundfarben Rot, Gelb und Blau charakteristisch für sein Werk geworden sind.

HW staffelt, ordnet große rechteckige, auch quadratische Farbflächen einander zu. Die Flächen greifen zum Teil schwebend ineinander, verzahnen sich nahezu unsichtbar. Die übereinander gestellten Felder aus sich überlagernden Farbschleiern erzeugen durch die Transparenz der Schichten einen dynamisch pulsierenden Farbraum, der den Betrachter bei naher Sicht umfängt. Die als harmonisch oder spannungsgeladenen, leuchtend oder düster, dominant oder gleichgewichtig empfundenen Farbensembles sind gleichzeitig Auslöser und künstlerischer Reflex psychischer Stimmungswerte.

Viele Farbschichten trägt Hermann Wagner übereinander auf der Leinwand auf. Es sind meist regelmäßige und in sich übermalte Farbschichten, die unterschiedlich dicht aufgetragen werden, d. h. die Farbschichten und damit die Farbtöne reagieren auch in einer unterschiedlichen Intensität. Diese übereinander gelagerten Farbschichten imaginieren in ihren verschiedenen Abstufungen unterschiedliche Bildtiefen.

Materielle Bildtiefen entstehen, die aber gleichzeitig auch inhaltliche Tiefen erzeugen, die Bildflächen werden zu Meditationstafeln, „die vergleichbar der Wirkung von Ikonen, zu Andachtsbildern der heutigen Zeit werden können und beim Betrachter eine geradezu feierlich-festliche Grundstimmung hervorrufen.“ schreibt Judith Bader in der Rede zur Ausstellungseröffnung im Jahr 2006 in der Städtischen Galerie in Traunstein. Weiter schreibt sie: „Es entstehen Farbraumkörper, die wie atmende pulsierende und sirrende Farbkosmen sind und deren räumliche Vibration und lyrische Farbintensität eine spirituelle Kraft ausstrahlen.“ Zitatende

Dem Künstler geht es um das Zusammenspiel der benachbarten Farben. Ein andersfarbiger Begrenzungsstreifen, mal klar abgesetzt, dann wieder ausgefranst und schwebend, lässt die Schwingungen der benachbarten Farbflächen noch deutlicher werden. Eine Abgrenzung, die nur scheinbar ist, die aber die oben und unten liegende Farbfläche als zusammengehörig erscheinen lässt. Eine dunkle oder auch helle, rahmenartige Umrandung des gesamten Bildes, die an den Rändern manchmal unscharf wirkt, lässt seine Bilder Raumstrukturen aufzeigen, die uns helfen, diese Räume nachzuvollziehen.

Die horizontal angelegten Bilder mit den schwebenden Farbfeldern, die von ganz breit bis ganz schmal ausgeprägt sein können, verleiten den Betrachter häufig dazu, Landschaften zu assoziieren. Aber natürlich geht es im Werk von Hermann Wagner immer darum, das Gegenständliche in den Hintergrund zu drängen und in die dahinter liegenden transzendenten Schichten zu schauen. Es sind die jeweils sehr persönlichen Empfindungen, die wir haben, wenn wir in die Weite einer Landschaft blicken oder einen Sonnenuntergang betrachten. Es sind eher die spirituellen Werte, die mit diesen Phänomenen einhergehen, die wir suchen und sehen wollen, wenn wir bei vielen Bildern HW Landschaften assoziieren. Je nachdem welche Farbschwerpunkte HW setzt entstehen mit einem frühlingshaften Leuchten versehene Bilder in hellen Gelb- und Grüntönen erstrahlend, schwere von der Sonnenglut geprägte goldgelbe oder aber auch klare, tiefe Geistigkeit ausstrahlende blautonige Werke.

Diese Ausstellung im Dezember 2006 besuchte ich damals mit einer 9. Klasse und ließ die Schüler lyrische Texte zu den Bildern schreiben. Auch wenn Sie diese Bilder von damals heute nicht sehen können, sind die damaligen Texte doch übertragbar auf die hier ausgestellten Werke Hermann Wagners; deshalb möchte ich noch zwei Texte vorlesen:

Die Schülerinnen und Schüler waren damals aus einer 9. Klasse, so etwa 15, 16 Jahre alt:

Konrad

Ruhe durchströmt meinen Körper,
wenn ich dieses Bild betrachte.
Es lässt meine Gedanken weit fort schweifen,
in Fantasien des Glücklich Seins
und des Lachens.

Das Rot und das Orange
ziehen mich in ihren Bann
und lassen mich nicht mehr los.
Es ist so lebendig,
dass ich mir so vorkomme,
als stünde ich vor einem Feuerwerk
aus Rot und Orange.

Wolfgang

Wärmendes Licht
Die Sonne geht unter,
es wird Nacht.
Das Meer kommt zur Ruhe,
die restliche Sonne wärmt,
die Dunkelheit bricht herein
und meine Seele kommt zur Ruhe.

Besser können eigentlich persönliche Empfindungen zu Bildern Hermann Wagners nicht ausgedrückt werden. „Meine Gedanken spüren den Zwiespalt zwischen Trauer und Freude.“ Genau da ist die Schnittstelle. Hermann Wagners meditative Bilder lassen uns selbst entscheiden, wo wir stehen: auf der freudigen Seite oder auf der eher nachdenklichen. Die Interpretationsmöglichkeiten sind unendlich vielfältig. „Who is afraid of red, yellow and blue“ heißt der Titel eines Bildes des wegweisenden Farbfeldmalers Barnett Newmann aus dem Jahr 1966. Wie begegnen uns die Farbflächen Hermann Wagners, werden wir durch sie in meditative Gedankenwelten geführt und lassen sie uns eventuell sogar spirituelle Erfahrungen machen, oder stehen wir ihnen zunächst eher unsicher gegenüber.

Die dringende Notwendigkeit und das Bedürfnis zu malen, ließen HW erst vor wenigen Wochen sein letztes sehr großes Werk erarbeiten. Mit knapp 90 Jahren stellt dies neben der geistigen Herausforderung auch eine große physische Leistung dar. Wie eine metaphysische Erleuchtung bestimmt eine aufwärtsstrebende helle Senkrechte das Bildgeschehen und versucht uns unser geistiges Zentrum finden zu lassen.

Zum Abschluss möchte ich noch einen wunderbaren Satz aus Judith Baders bereits erwähnter Rede zitieren:

„Vielleicht braucht die Sprache die Nennung der Gegensatzpaare wie Leichtigkeit und Schwere, Dichte und Transparenz, Raum und Fläche, Leere und Fülle, um dem Phänomen der Überwindung von Gegenständlichkeit und Polaritäten, die in der Opposition von Ich und der Welt seinen schmerzlichen Höhepunkt findet, beschreibend nahe zu kommen. Die Malerei HW bedarf ihrer nicht mehr, denn in seinen Bildern ist die bange Suche nach der Einheit der Gewissheit gewichen, dass die Versöhnung möglich ist.“ Zitatende

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.